Dein Schrei sagt mir, dass etwas nicht in Ordnung ist. Nein, es ist nicht nur das, die ganze Zeit höre ich dein Herz schneller klopfen als sonst, das Pfeifgeräusch ist viel lauter und häufiger als ich es kenne, ich höre dich seufzen. Was ist mit dir? Wo gehst du hin, wir haben uns eine Weile bewegt, bei dem bekannten monotonen Geräusch bin ich fast eingeschlafen und auf den Boden gesunken. Dann haben wir uns bewegt, jemand sagte etwas zu dir und es war eine Weile Stille. Ich lauschte gespannt nach draußen. Du legtest dich hin, das Rosenwasser zitterte wieder leicht und dann hörte ich hohe Töne, sie kribbelten auf meiner Haut, ich spürte sie durch und durch. Das habe ich schon erlebt und danach ist nichts weiter passiert, doch diese Tatsache beruhigt mich jetzt nicht.
Du sagst etwas. Ich mag deine Stimme, ich träume gerne deinen vollmundigen Liedern hinterher, umgeben von kreisrund verflochtenen Geräuschen. Doch nicht jetzt, ich spüre gespannt in die Umgebung, so gespannt wie die Muskeln der Wand, die mich umgibt, und warte, was noch passiert. Ich höre deinen Herzschlag lauter werden, er pulsiert hart auf meinem Trommelfell - tut dir etwas weh? Manchmal schmerzt dich etwas, das regt mich dann auf und ich strample und schwimme herum, weil ich möchte, dass es dir gut geht. Ich fühle mich so hilflos, wenn es dir nicht gut geht.
Jetzt höre ich eine andere Stimme in einer höheren Tonlage. Jemand berührt dich, du wirst ruhiger, jemand kommt dir nahe. Ich paddle zu der Stelle, an der ich die Veränderung spüre, presse mein Ohr an die Wand. Ich kenne die Stimme nicht, aber sie spricht langsam und weich, wie wenn die neblige Flüssigkeit trüb um mich herum schwappt. Ich stoße mich wieder ab und schwebe ein bisschen. Was bin ich neugierig auf die Geschehnisse da draußen, die ich nur erahnen kann! Die Grenzen meiner Welt ringsherum rücken mit der Zeit näher. Es wird eng, aber noch stört es mich nicht sonderlich. Ich fasse nach dem gelblichen glitschigen Schlauch vor meiner Nase und halte ihn fest. Noch habe ich Platz und bin beweglich. Noch kann ich etwas tun. Die Wand bewegt sich ganz gleichmäßig, deine Rasselgeräusche haben größere Abstände und ich höre das Pfeifen lange strömen. Manchmal währt die Stille zwischen deinen Geräuschen nur sehr kurz. Wenn das passiert, werde ich in meinen Gefilden oft ziemlich herumgeschüttelt. Ich strample dann manchmal zurück. Ob du das merkst? Ich versuche oft, dich auf mich aufmerksam zu machen.
Nun sind die Zischgeräusche anders, so kenne ich sie noch nicht. Ich schwimme hin und her. Wie bringst du solche Geräusche zustande, kann ich so etwas auch? Vielleicht wenn ich größer bin. Ich versuche es durch bestimmte Bewegungen zu erzeugen, wackle mit den Zehen, klappe den Mund auf und zu. Aber es passiert nichts, ich spüre nur ein Glucksen in meinem Hals.
Diese Stille ringsherum. Seit deinem Laut füllt sie den Raum, drückt mir etwas im Brustkorb zusammen. Ich fühle etwas Dumpfes aufsteigen, etwas Bedrohliches. Kein Sprechen zu mir, nur dieses lange Geräusch. Vielleicht willst du mir sagen, es ist doch alles gut und wir gehen gleich wieder dahin, wo dein Herzschlag langsamer wird, wo du lachst und dich hinwirfst, so dass das rote Wasser um mich herum gluckst, weil du sich so plumpsen lässt.
Ich vertraue dir sehr, du wirst mich schützen, du birgst mich, du bist immer da. Und ich zeige dir, dass ich dich wahrnehme, dass ich nicht nur von dir esse, sondern dir auch etwas geben möchte. Ich bewege mich, presse mich an die Wand, schwimme hin und her und freue mich, dass ich da bin. Manchmal ist es wärmer, manchmal kühler, heller und dunkler, lauter und leiser: mein Haus verändert sich. Wenn es dunkel ist, liege ich gern auf der Seite, die rechte Wange an die schlüpfrige Haut geschmiegt. So schlafe ich ein, sehe verwirrende Bilder, greife nach Ahnungen, Gefühlen. Wenn ich erwache, schüttle ich mich, manchmal bewegst du dich als Antwort auch, dann bin ich ruhig, fühle mich beachtet.
Hier ist eine Ader, da ist ein Muster, ich bin entzückt von der Ader - ihrem dunklen Violett und ich bin verzaubert vom rotgestrickten Muster an meiner Decke. Meine Decke ist Boden und Wand. Mein fester, dein fließender Körper, wir schlängeln uns durch unsere zögernde Musik, Muskelfelsen brechen die Strömung des Tanzes, er stockt. Er schwankt, unsere Körper tanzen ineinander in welligen Falten. Ich höre das Schlurfen des Wassers, spüre mein Gewicht, das ich gegen die Wand drücken kann, sie vibriert manchmal. So starke Wände, was soll mir passieren?
Köstliches Wasser rinnt an meinem Gaumen vorbei, meiner Kehle, in meinen Magen. Ich empfinde langsam wieder Ruhe, Schwergewicht, feine Nerven erbeben vom Dach meiner Mundhöhle, ich erkunde die hochgewölbte Grotte mit der Zunge.
Ich schrecke herum, als das Licht eindringt, es ist so grell, dass ich mich drehen muss, ich schwimme zur anderen Seite, paddle heftig mit den Armen und Beinen. Mir schießt ein Gefühl die dünne Wirbelsäule hinunter, eine Ahnung, dass das alles hier mit mir zu tun hat. Etwas drückt von außen auf die Wand, was soll ich tun, ich kann nicht mehr tun als hin- und herschwimmen und hoffen, dass du mich spüren kannst, dass du etwas tust, mich schützt. Mein Herz tuckert in meinen Ohren, das Wasser um mich herum zittert dazu im Takt.
Wochenlang hast du mich genährt, dein Leben mit mir geteilt. Ich gebe mir alle Mühe, schnell größer zu werden: in Erwartung auf dich und auf mich. Ich bin gespannt auf den Augenblick, wenn die Wände platzen, weil ich zu groß bin, so wie vor meinen Augen mal eine kleine Ader geplatzt ist, in zwei Stücke. So etwas gibt es. Doch noch brauche ich Zeit, kann noch nicht in dein Leben rutschen.
Freust du dich oder erschrickst du vor mir, bist du dankbar oder bestürzt, ich weiß es nicht. Manchmal fürchte ich, du willst mich nicht. Manchmal ist die Speise bitter - schwummerig wird mir davon; manchmal hüpft das Herz, pocht schnell und langsam, flimmert, dass ich strampeln muss und gegen die Wand trete, damit du mich hörst, aufhörst das zu tun, was du tust und wovon mir übel wird.
Ich nehme einen Daumen in den Mund, um mich zu beruhigen, eine Stimme schallt sehr nahe an mir und donnert in meinem Bauch. Du bewegst dich jetzt ruckartig. Ich sauge hastig einen Schluck Fruchtwasser ein und halte mich am Schlauch fest.
Ich möchte die Töne gern verstehen, sind es Rufe eines Kribbelns in der Brust oder des Schmerzes? Sind es gefährliche Töne wie von vor langer Zeit (es war mehrmals hell und dunkel dazwischen), da haben du und die andere bekannte Stimme laut begonnen zu tönen, anschwellend zu einem Lautorkan. Dann ist etwas passiert, in meinen Ohren gab es einen dumpfen Knall, ich wurde geschüttelt und krallte mich am Schlauch fest. Dem Holpern deines Herzens folgte eine Salve weiterer dumpfer Geräusche, das Zischen war laut und heftig, ich konnte mir nur zusammenreimen, was geschah, nichts Gutes zumindest. Gut ist leben und wachsen und Ruhe oder deine leisen Lieder. Böse sind starke Geräusche, dein rasendes Herz, das komische Gefühl, das mich manchmal überkommt, gegen Nachmittag, mitten in der Geräuschsuppe, dann wird mir so seltsam, so taumelig.
Ein Rot kreiselt an meinen Augen vorbei, ich bin schwindeliger, als ich vermutete. Enge legt sich um das Pulsieren in meiner Brust. Das Licht wird stärker, so deutlich wie noch nie erkenne ich die Farben meiner Umgebung, blau, violett, rot, gelbblass, doch es erfüllt mich nicht mit Freude. Mein Blut fließt weiter, aber mein Körper steht still. Ein heißes Gefühl steigt in meiner Brust auf, ich speie etwas aus. Wer seid ihr? Warum nehmt ihr mir meine Ruhe weg? Der süßliche Geschmack des Wassers wirkt beunruhigend.
Das Licht wird grell, sticht in meine Augen, ich stoße mich ab in die hinterste Ecke, doch ich kann nicht fliehen, ich sehe die eine zarte, dünne Haut vor dem Licht und begreife, dass sie mich von etwas anderem trennt, von etwas, das ich nicht kenne. Der Lichtkreis wird größer, ich sehe dunkle Schatten, dann begreife ich: mein Nest ist aufgebrochen, die Kiesel am Ufer meiner Seele bloßgelegt, wo ist die Hoffnung auf mein Leben! Die Tonsalven prasseln auf mich herab, lassen mich fühlen, wie klein und wehrlos ich bin, Trommeln unsinniger Raserei, zügellos verquirlt. Ich hatte ein paar Wochen voller Frieden, das war Glückseligkeit, das war viel. Ich sehe, wie sich etwas in meine Dunkelheit schiebt, schützend hebe ich die Arme, vielleicht will es mir doch nichts Böses. Ich möchte gern ich selbst sein, will auch Töne speien, aber es tönt nichts aus mir. Wieso kommen sie mir so nahe, bedrohen mich in meiner schützenden Dunkelheit; Verwirrung drängt an mich heran, Ungewissheit, Möglichkeiten, Vermutungen branden an meine Brust.
Ich fühle etwas Böses kommen, etwas schiebt sich aus dem Lärm von draußen in meine Dunkelheit. Ich höre ein hohes Sirren, dann prasselt ein Gewitter an Tönen auf mich herab: schmatzend, schlürfend, saugend. Im Licht erkenne ich es, dünn und lang, wie kalt und tot es wirkt: eine kalte leblose Ader mit einer scharfen Öffnung. In diese Öffnung saugt sie nun meine Umgebung, mein Haus; die Klangschlinge zieht mir den Hals zu, ich sehe Blutperlen davon stieben, mein Flüssigbrot schwindet, die Haut wird eingesaugt und quiekt, sprüht, bläht sich. Mich packt das blanke Entsetzen, ich sehe die Fleischklumpen fliegen, muss mit ansehen, wie die Ader alles fächerartig in sich hineinsaugt! Fleisch siedet, stampft, das Grauen entfaltet sich in mir, ich flute auf der Strömung. Explosion von Fetzen, Blutklumpen, Kaskaden, ja Salven regnet es auf mich, roter Herzregen, der helle Schlauch zerreißt, wird weggesaugt, weggespült in die Wogen, der Sog zerstreut mein Sein. Ich begreife, dass mich keiner hört und fühlt, ich errege nicht Mitleid, nicht Liebe, ich bin nichts wert, sie wollen mich in Stücke reißen. Hitze und Kälte jagen mich, ich habe eine Ahnung von dem Weiß da draußen, zu hart für mich zu grau zu hell.
Ich wollte die Nächte dehnen und mit Träumen von dir füllen, bekannte unbekannte Mutter, bin in dir gewandert, angekommen, um später noch näher bei dir anzukommen, vor deinen Augen, in froher Erwartung deiner Worte: Es ist da. Doch willkommen sagt die Traurigkeit, Verzweiflung, Wut, die Angst entbrennt meinen Körper, die Schnur, die Gewebefetzen, die lebende Wand in Flammen, sie brennt lichterloh im Blutregen. Die Schlange ist wild und grausam, sie wirft das Licht in meine Augen zurück, dass ich halb erblinde. Ich zapple wild herum, doch meine Kräfte erlahmen im schwindenden Wasser. Meine Wange klebt fest an der inzwischen knochenharten Wand. Das Leben weicht aus mir, fließt davon. Pfeile von Sinnesempfindungen strahlen von meinem Rückgrat aus, ich werde stumpf, steif. Ich begreife, dass ich nie mit dir lachen werde, du nährst mich jetzt nicht mehr. Die Wandhaut, die in Schönheit erstrahlte, zerfällt in Stücke, gibt ihr weiches Kissen ab, darunter ist sie hart und dunkelrot.
Ich mache dir mit meinem Tod ein Geschenk, ahne ich. Mein Leiden ist dein Leben, mein Nichtmehrdasein deine Freiheit. Meine Welt ist vernichtet, was bleibt dir von mir, ein bisschen Blut, ein Schwarz vor den Augen, ein Stöhnen.
Die rote Gischt spritzt über die Wände, sie bluten und bluten, es sind meine Tränen, sie weint für mich, meine bergende Mutter. Ich schaue erstarrt und stumm.
Nun nähert sich die kalte Ader mit, strebt auf mich zu und will mich einsaugen, zu Brei zerlösen, fressen. Ich erbebe, welle mich, kann den Blick nicht davon abwenden, wie das Lebenswasser goldrieselnd in diesem Schlund verschwindet. Ich klebe fest, die Wände fallen zusammen, drücken sich an mich, von allen Seiten. Sehen sie nicht meine Glieder zucken, ich in festgebannt, erlebe mit wie ich sterbe, dabei habe ich ein Recht zu leben. Denn ich bin da, trotz dass ihr mich nicht wollt. Ich versuche diese Gedanken zu begreifen: Ungewolltsein. Würde sonst dein Herz so ruhig schlagen? Wie kannst du schlafen, wenn ich hier sterbe, verende wie das Fleisch in meiner Höhle. Ein ungeheurer Druck lastet auf mir, ich kann mich nicht rühren, Millionen von Pfeilen durchbohren mich. Vor Entsetzen flackert mein Geist, Töne, Lichter verschwimmen zu einem Brei, die Gedanken schleudern mich, rasen an den Wänden entlang, suchen, hasten. Ich bin Schaum, der ab und zu zuckt, Schleimiges quillt aus den Spalten, ich höre kurze scharfe Töne. Abgetrenntes schiebt sich vorbei. Ich begreife, dass das Nichtmehrsein näher ist als mein Leben. Das Kalte quetscht mich, drei Finger fehlen mir nun. Ich kann nichts mehr greifen, blute, bald ist es vorbei, lass es vorbei sein. Es fließt aus mir, jeder Nerv schmerzt. Das Dunkel rollt vor mir her, mein Zimmer ist erfüllt mit meiner Qual. Ich schaue auf meine verkrüppelte Hand, sie war so schön, jeder Finger ließ sich einzeln bewegen. Mein Bewusstsein gefüllt mit Schmerz ergießt sich in den blutenden Raum. Meine Hoffnung sinkt auf den Grund wie ein trübes Teilchen im Fruchtwasser. Ich wollte ins Leben tauchen und werde in den Tod gesaugt. Ich falle nun - ohne dich zu kennen - in die Dunkelheit. Dein Leben ist so fern, du willst mich nicht. Was hab ich getan, das dich erzürnte; ich wollte nur ein Häppchen Leben. Das Brausen der Schlange beginnt wieder, ihr Kopf sucht mich, schnüffelt, kreischt in meinen kleinen Ohren, will meine Gesichtszüge für immer auslöschen. Kann sie mich auch aus deinem Herzen löschen? Ihr Gebrüll betäubt mich. Mein tastendes Entdecken, Lebenwollen, meine Nacktheit, Ohnmacht, verschwindet in der Öffnung, Stück für Stück reißt sie mich auseinander. Nun schlürft sie meinen Fuß ein. Ich habe keine Füße mehr, auch meine Beine verschwinden im Schlund. Die schönen Beine, die ich hatte, ich stieß mich damit von der Wand ab und machte einen Purzelbaum. Doch nun bin ich hässlich und kaputt. Du hast dich hingelegt, damit ich sterbe. Die Landschaft welkt, ich breche auseinander, die Finsternis dröhnt.
Renne, Herz renne, ich kämpfe, fasse neuen Mut, ich will leben, für mich, ich öffne den Mund, zerrissen, zerstochen, zerrupft von meinen Empfindungen. Knackende Knochen, es zermalmt mich, zerdrückt mich. Ich fühle kaum mehr einen Schmerz, mein Kopf kracht.
In der Ferne fühle ich ein Licht, anders als die schmerzende Grelle, aus der jetzt etwas kommt, scharfkalt tastet es nach mir, lange dünne Greifer suchen mich, fassen nach mir.
Doch das warme Licht überstrahlt sie, warm und gut, ein Willkommen, es wird alles gut, sagt es mir, hier ist dein neues Leben, komm in meine Arme.
Im grellen Neonlicht konnte sie eine Kontur erkennen, es war der Arzt, der sich über sie beugte. „Es ist erfreulicherweise zu keiner Perforation gekommen, alles gut gelaufen.“ Er lächelte die blasse, schmale Frau freundlich an, die vor ihm auf der Liege lag und ihn fragend anschaute. „Durch die Schwangerschaftsveränderung kann das bei einer Kürettage schnell passieren. Aber bei Ihnen ist alles in Ordnung.“
„Hat es auch nichts gespürt?“, fragte die Frau mit matter Stimme.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich kenne die Hirnentwicklung von Föten, im besten Fall ist das ein Frosch.“
Die Frau nickte kaum merklich und schloss wieder die Augen. |
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Der Schlüssel drehte sich im Schloss und als ich mit dem linken Ellenbogen die Tür aufstieß und in den dämmrigen Flur trat, spürte ich, dass etwas in der Wohnung anders war als sonst. Ich schob den Rucksack in eine Ecke und betrat das Wohnzimmer. Meine Augen schweiften über die dunklen Möbel und blieben an einer Gestalt hängen, die auf der Couch saß und in eine meiner Zeitschriften blätterte.
So musste sich eine Vergewaltigung anfühlen, wenn man in vertraute Gefilde kam und sah, dass da jemand unberechtigt eingedrungen war und in den intimsten Sachen gewühlt hatte, alles wusste, alles gesehen hatte. Meine Augen glitten über die blonden, glatten Haare dieser Person, ich identifizierte sie als Mann. Als er aufblickte, sah ich, dass seine Augen einen bläulichen Stich hatten und fast weiß anmuteten, so hell waren sie. Er trug dunkle Sachen, der matte Stoff schien das Licht zu verschlucken. Seine anmutigen, weißen Hände ließen die Zeitschrift sanft zwischen den Aschenbecher und die geöffneten Rechnungen zurückgleiten.
Er schwieg und sah mich ausdruckslos an.
„Was zum Teufel machen Sie in meiner Wohnung?“, sagte ich in einem leisen scharfen Tonfall.
Er verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln. „Du hast mich quasi gebeten zu kommen. Da bin ich und warte schon eine Weile auf dich. Ich finde, deine Wohnung ist der richtige Ort für ein klärendes Gespräch.“
„Ein klärendes Gespräch? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich Ihnen meinen Schlüssel gegeben, ja geschweige denn dass ich Sie bestellt habe.“
„Oh doch. In letzter Zeit wurde ich mindestens viermal am Tag angerufen, zu dir zu kommen.“
„Wann soll das gewesen sein?“ Ich sank langsam auf die Armlehne des samtigen Sessels ihm gegenüber.
„Nun, wenn wir nur einmal gestern betrachten, so kam der erste Anruf gegen sechs Uhr. Der zweite Anruf kam zehn Uhr fünfundvierzig, der dritte gegen zwölf Uhr dreißig, der vierte Anruf erreichte mich sechzehn Uhr fünfzig und am Abend bekam ich noch einmal bestimmt sechs oder sieben Bestellungen von dir.“
Meine Augen brannten und fühlten sich an, als wäre Sand darin. Ich wusste überhaupt nicht, wovon dieser Mensch redete. „Wie sind Sie in meine Wohnung gekommen?“
„Ich kann überall hingelangen. Ich habe die Erlaubnis dazu.“
„Ach, dann sind Sie wohl Gerichtsvollzieher oder was?“
Er schwieg.
„Das kann ja nicht wahr sein. Ich habe nichts zu verpfänden.“ Ich deutete mit der Hand auf die billigen Möbel aus Spanplatten. „Schauen Sie sich um, es gibt nichts. Ich kann mir nicht mal einen Fernseher leisten. Ich bin nämlich Zahnarzthelferin. Und als solche verdiene ich knapp sechshundert Euro im Monat und muss noch Sozialhilfe dazu beantragen. Aber was ich an Geld nicht bekomme, habe ich im Überfluss an Überstunden.“ Heute schmerzten mir wieder die Beine vom vielen Stehen und Herumhasten. Ich sah mich mit vierzig Jahren immer noch ehrerbietig vorm Chef herumkriechen; sah, wie ich ihm jeden Wunsch von den Augen ablas, wurde von den Patienten angenörgelt, wenn es nicht schnell genug ging, wenn die Rechnung zu hoch war, wenn sie Schmerzen hatten. Stets und überall hatte ich den Geruch von Desinfektionsmitteln in der Nase, bekam ihn tagelang nicht von der Haut. Jeden Montag sehnte ich den Freitag herbei. Dabei lebte ich nicht mal am Wochenende, da ich mit dem wenigen Geld haushalten musste. Ich konnte mit Freunden nicht ins Kino gehen und sie anzurufen und mich mit ihnen im Café zu verabreden traute ich mich nicht, da ich mir nicht mal etwas zu trinken bestellen konnte. Die meisten meiner Freunde hatten eh nicht viel Zeit, weil sie eine Familie und Kinder hatten.
„Das ist mir bekannt. Ist das ein Grund, mich zu kontaktieren?“, fragte er.
Ich starrte ihn offenen Mundes an.
„Wegen was habe ich Sie angeblich belästigt?“
„Oft aus Selbstmitleid. Du bist der Meinung, dass niemand so schlecht dran ist wie du. Den anderen geht es deiner Meinung nach auf jeden Fall besser. Dann auch aus Wut. Darüber, dass dir niemand zu helfen scheint, und sicher auch aus Hass auf dich. Weiterhin, um es allen mal zu zeigen. Vermutlich macht es dir Spaß, dauernd bei mir durchzuklingeln. Mir macht es keinen, ich hab genug zu tun.“
„Aus Selbstmitleid? Ja ist das nicht berechtigt? Schauen Sie sich doch um. Die ärmlichen Möbel, meine Klamotten, ich hatte nie Geld, etwas anderes zu machen. Ich muss alles alleine bezahlen, ich habe keinen Mann, der an meiner Seite steht und mich unterstützt und mit dem ich die Kosten teilen kann.“
„Wie kommt das?“ Er hob die Augenbrauen. Seine Augen waren klar und anziehend und doch so kalt wie das Universum, dass mich fröstelte. Er gefiel mir und stieß mich gleichzeitig ab.
„Weil es alles Feiglinge sind. Es gibt keine richtigen Männer mehr. Sie haben Angst vor mir, Angst vor ihren eigenen Vorstellungen, die sich ihnen anscheinend aufdrängen, wenn sie mich sehen. Mir rennen nur langweilige Leute hinterher, die ich nicht will. Die interessanten lassen mich links liegen oder sagen ab.“ Ich überlegte. Es funkte auch einfach nicht. Wenn ein Mann etwas von mir wollte und mich immer wieder anrief und etwas für mich aufgab, wurde es mir zu viel. Ließ er mich dagegen allein und zeigte nur anfangs Interesse, hechelte ich ihm, sobald dieses nachließ, wie ein Schoßhündchen hinterher. Ich konnte diesem Kreislauf nicht entkommen. Jede Art von statusminderndem Verhalten veranlasste Punktabzüge meinerseits. Und dennoch war ich auf der Suche nach Zärtlichkeit, Austausch, Intimität, dem einen, dem wahren, dem…
„Aha.“, sagte er. Mehr nicht.
„Ja klar und Wut, Wut habe ich auch, das stimmt. Warum haben die anderen so ein tolles Leben verdient und ich nicht? Wieso bekommen sie alles, ohne auch nur drum zu bitten oder etwas dafür zu tun, ohne jemals gelitten zu haben? Warum leben so viele wie die Motten in der Katzenwolle, lernen mit zwanzig ihren Traummann kennen, können studieren und bekommen das von den Eltern bezahlt, wie auch das erste Auto, ergattern die besten Jobs, während ich nur Absagen kassiere - selbst mit der teuersten Mappe und dem schönsten Bild. Und mein Chef hat seine Lieblingsschwestern; egal was ich tue, sie würdigen mich keines Blickes, sie schikanieren mich, wo es nur geht. Die eine – natürlich auch mit tollem Freund – hat jetzt eine andere Arbeit gefunden. Ein Traumjob - in der Kieferchirurgie bei Doktor Möller in der Ambulanz - da verdient sie viel Geld und ist glücklich. Weißt du, was sie zu mir zum Abschied gesagt hat? Sie sagte, ‚Dass du mir ja die Theresa unterstützt, hilf ihr, wo du nur kannst, sie schafft das alles sonst nicht.’ Das wars! Nicht mal was Persönliches für mich, dass sie mir Glück wünscht oder so, einfach nichts! Nur dieses: Hilf ihr gefälligst, du dumme Nuss. Als würde ich mich den ganzen Tag nur am Fenster sonnen! “Ich quetschte eine Träne aus dem Augenwinkel und senkte den Kopf.
„Der eine schaut nach oben in die Sterne, der andere auf die Straße. Wer schreibt dir vor, dass dein Leben wie das der anderen sein muss?“ antwortete der Blonde.
„Ich will auch glücklich sein.“
„Und das bist du nur, wenn du das erlangt hast, was du bei den anderen siehst? Was willst du denn selber für dich?“
Ich schwieg und betrachtete meine Fußspitzen.
„Und was ist mit dem Hass?“, fragte er.
Ich hörte sofort, wie etwas im elterlichen Wohnzimmer zu Bruch ging. Neugierig war ich damals aufgestanden und hatte die Tür zu diesem Raum geöffnet, um zu sehen, was passiert war. Ich konnte es noch gar nicht richtig erfassen, da drehte sich meine Mutter zu mir um und spuckte mir entgegen: ‚Dein blödes Gesicht fehlt mir jetzt gerade noch!’
Oder noch ein paar Jahre zurück. Ich hörte, wie sie von Wochen redete und verstand nicht, was das war. Ich zupfte sie am Rock und fragte, Mami, was ist eine Woche? Sie sah mich an und sagte unwirsch: Sieben Tage. Dann drehte sie sich weg und redete weiter mit den anderen Erwachsenen. Was waren Tage?
Oder zu Weihnachten. Ich liebte Weihnachten. Ich hatte Herzklopfen und ein Kribbeln im Bauch, wenn ich daran dachte. Wir waren am Tag vor Heiligabend bei meiner Großmutter eingeladen und sie hatten mich ins Bett gebracht. Ich begann - von der Vorfreude getragen - laut zu rufen: ‚Weihnachtsmann! Weihnachtsmann!’ Es dauerte nur ein paar Sekunden, da kam nicht der Weihnachtsmann, sondern mein Vater ins Zimmer gestürzt und brüllte mich an, dass mir die Ohren schlackerten. Vor Schreck setzte ich mich auf den Hintern und versteckte mich dann hastig unter der Steppdecke. Ich hörte meine Großmutter sagen: ‚Aber Werner, du kannst doch das Kind nicht so anschreien. Sie freut sich doch nur.’
Die Bilder begannen sich zu drehen, immer mehr kamen dazu und kreisten um meinen Kopf. Sie schrien mit ihren Farben und Gesprächsfetzen auf mich ein. Wie sollte ich mich lieben, wenn ich nicht wusste, wie lieben geht, wenn ich niemandem etwas bedeutet hatte.
„Ich denke wohl, dass ich es nicht wert bin, ein schönes Leben zu haben.“, sagte ich schließlich. Ich blickte nicht auf. Ganz stimmte das nicht, aber ich hatte diese Liebe nicht würdigen können.
„Hast du schon einmal daran gedacht, all diese Geschichten umzuschreiben?“ Der Fremde legte lässig einen Arm auf die Rückenlehne der Couch.
„Wie soll ich das machen?“, fragte ich.
„Du drehst den Film einfach neu, so wie er dir wirklich gefällt. Du lässt das, was schlecht ausgegangen ist, so enden, dass es dich glücklich macht. Die alten Filme legst du in eine Kiste und vergräbst sie.“
„Aber das kann ich doch nicht machen.“, sagte ich. Mein Ich bestand doch aus der Summe der Erlebnisse in meiner Vergangenheit.
„Du kannst alles machen. Es ist dein Leben und nur du musst damit zurechtkommen. Die anderen haben ihr eigenes.“, antwortete er.
Ich begann unruhig mit dem linken Knie zu wippen und nahm die Zigarettenpackung in Augenschein. „Warum sind Sie nun wirklich hier? Sie sind doch kein Psychologe?“
„Damit du dich entscheidest, ob du nun hierbleiben willst oder mit mir gehst.“
Schlagartig hörte ich auf mit dem Wippen.
„Wohin mitgehen?“
„In mein Reich. Dort sind viele Kammern, da ist auch noch Platz für dich.“
„Reich? Was für ein Reich?“
„Das Totenreich.“
Ich erschauerte.
Mein kleines Leben, all das, was mir so wichtig vorgekommen war, schrumpfte jäh zu einem winzigen unwichtigen Sandkorn und plumpste auf den Boden der Salzwüste.
„Ich kann mich also jetzt entscheiden?“
„Deshalb bin ich hier. Deine Klagen bin ich leid. Auch wenn deine Zeit noch nicht gekommen ist, wenn du darum bittest und glaubst, dass du es empfangen wirst, dann ist alles möglich.“
Ich betrachtete die beiden Möglichkeiten. Ich konnte jetzt sofort diese Erde verlassen. Ich konnte jetzt entscheiden, dass ich nie wieder atmen wollte, mich nie wieder morgens gegen die Erdanziehungskraft aus dem Bett kämpfen musste, nie wieder einsam sein, keine Kopfschmerzen mehr nach der Arbeit, kein trauriger Regen mehr im Gesicht, keine Grenzen mehr, die mir andere setzten, keine Kämpfe um irgendwas, kein Warten mehr auf irgendjemandes Nachricht.
Aber auch keine Wärme der Sonnenstrahlen mehr auf der Haut, keine ruhigen Bahnen im See mehr ziehen und sich über das Plätschern der Wellen freuen, nicht mehr die Sonne sehen, wie sie sich hinter den Wolken versteckt, nicht mehr gemeinsam mit Freunden lachen und Spaß machen, mit ihnen frühstücken, nicht vielleicht doch den Einen treffen, dessen Hand zu nehmen und darin lesen, mit der Zunge die kleine Kuhle unterhalb seines Halses zu suchen und zu küssen, begeistert zu entdecken, dass seine Seele die gleiche Farbe hatte…
„Ich kann mich nicht entscheiden. Ich kann mich immer so schwer entscheiden. Ich hab immer so lange abgewartet, bis jemand anderes für mich entschieden hat.“ Ich verstummte.
Er seufzte und blickte lange zum Fenster hinaus.
„Damit du die Konsequenzen nicht dir zuschreiben musst? Oder aus Angst, mit den falschen Entscheidungen leben zu müssen? Aber ich werde nichts für dich entscheiden, nicht heute und auch nicht morgen.“
Etwas drückte gegen meine Brust. Ich lauschte in mich und fühlte, wie der rote Fluss durch meine Adern rauschte; ich fühlte das unschuldige Herz beben, geschaffen, um mir ein schönes Leben zu ermöglichen, es war bestimmt alles gut gemeint gewesen; ich fühlte die Haut, die mein Gesicht umspannte, das Kitzeln der Haare im Nacken, den Gegendruck des Bodens unter meinen Füßen, die pulsierende Wärme in meinen Händen, die bunten Lichter in meinem Kopf, das Leben.
„Ich habe am Ende ja immer noch mich.“, sagte ich leise.
Er sah mich wieder aus seinen tiefen Augen an.
Da stand ich auf.
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Ich öffnete die Tür und machte Licht in der Wohnung. In der Küche packte ich die braune Papiertüte aus, Äpfel, Brot, Corned beef und Schokolade. Dann schaltete ich den Fernseher ein und ließ Wasser in die Badewanne laufen. Nachdem ich ein Butterbrot gegessen hatte, versank ich im dampfenden Nebel. Mit meinen Händen erschuf ich kleine Schauminseln und Schaumgebirge. Irgendwann zog ich den Stöpsel und sah andächtig zu, wie die kleine Welt gurgelnd im Abfluss verschwand.
Gedankenverloren räumte ich den Einkauf weg, als das Telefon klingelte.
Am Hörer eine leise, raue Stimme. Mutter.
„Hallo“, sagte sie.
Ich war überrascht. Es war gar nicht ihre Art, so spät abends noch anzurufen.
„Was gibt´s ?“, fragte ich.
„Macht es dir was aus, wenn ich jetzt noch auf einen Kaffee zu dir komme?“
Ich konnte es ihr nicht abschlagen, legte den Hörer auf und ging in die Küche, um mir einen Tee aufzubrühen. Draußen war es schon dunkel und der hellerleuchtete Raum spiegelte sich in den Scheiben des in Richtung Hof liegenden Fensters. Ich stellte vorsichtig die schwere Kanne mit dem Wasser ab, ging zum Fenster und schaute fasziniert auf mein schattenhaftes Spiegelbild. Es wirkte so unheimlich, wie nicht von dieser Welt. Ich verweilte so einen Augenblick und schaute mir tief in die fremden Augen. Draußen bewegten sich die Äste der Bäume im Wind, sie schaukelten hin und her, wie fleischlose Finger, die mir zuwinkten. Ich erinnerte mich an meinen Tee, wandte mich ab und schaltete den Herd an.
Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür.
Ich öffnete und blickte in die schwarzgeschminkten, traurigen Augen meiner Mutter. Sie wirkte wie immer, das dunkle, lockige Haar, hier und da schon mit einem verdächtigen Grauschimmer, glänzte leicht. Blasse Haut. Ein angedeutetes Lächeln spielte um ihre aufgerissenen Lippen.
Sie hatte ihre blaue Jacke an, die eigentlich auch ein bisschen grün war, ich konnte mich zwischen beiden Farben nie richtig entscheiden. Ich nahm ihr die Jacke ab und betrachtete erstaunt das geblümte Nachthemd, welches sie darunter trug. Wahrscheinlich hatte sie keine Zeit gefunden, sich umzuziehen.
„Ist dir nicht kalt?“, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf und ging in die Wohnstube, um sich in einen der bequemen Sessel fallen zu lassen.
Ich nestelte verlegen an meinem Ärmel herum, wo es eigentlich nichts zu nesteln gab. Ich betrachtete Mutter, wie sie da so saß, entspannt nach hinten zurückgelehnt und die Hände im Schoß. Ihr Blick verlief sich in der Ferne, ich spürte flüchtig ein Gefühl der Unwirklichkeit. Ihr Anblick erinnerte mich schmerzhaft an eine Zeit, in der sie mit blasser Haut, durchsichtig wie Pergamentpapier, in der Küche saß und mit leerem Blick vor sich hinstarrte. Völlig in einen weißen Nebel eingepackt, der sie blind machte und taub und die Haut kühlte. Willenlos wie eine aufgezogene Puppe hatte sie sich bewegt. Und ich stand damals an der Tür und beobachtete, wie meine Oma Kaffee machte und so tat, als wäre nichts. Oma tat immer so, als wäre alles in Ordnung, so dass man es am Ende selber glaubte.
Der Kaffee war fertig.
Mutter trank einen Schluck. Ich führte auch meine Tasse an die Lippen und schlürfte den leicht süßlichen Tee. Duftende Wiesen breiteten sich vor mir aus, grasende Kühe und ich mittendrin.
Unvermittelt fragte sie wie es mir denn so ginge. Und eine schöne Wohnung hätte ich. Sie schaute sich um, als würde sie das alles jetzt erst bemerken. Ich sah sie eine Weile an und überlegte, wie ich ihr klarmachen sollte, was in der Zwischenzeit geschehen war. Doch das zu hören hätte sie sicher traurig gemacht. Deshalb sagte ich etwas anderes.
„Weißt du noch, damals am Meer?“ Ich lauschte meiner Stimme nach. „Wir sind alle zusammen dahin in den Urlaub gefahren. Es war schön.“
„Ja, du hast gesagt, es wäre dein letzter Urlaub mit uns zusammen, und du hast dir das Meer gewünscht.“ Mutter nickte, lächelte.
"Ihr Kinder habt euch furchtbar verbrannt. Und ich erst.“ Sie strich sich mit der linken Hand über ihren Arm.
„Wir hätten vielleicht doch lieber nicht dahin fahren sollen.“, sagte ich nach einer Weile leise. Ich betrachtete sie nachdenklich.
Mutter schaute interessiert in ihre Tasse.
Irgendwann unterbrach ich das Schweigen. „Hast du Hunger?“
„Nein, nein.“ Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen.
Mutter sagte: „Reden wir lieber von was anderem.“ Sie sah mich an und seufzte. „Ich war leider oft zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Hatte wenig Zeit für dich. Es tut mir leid.“ Ich blickte sie erstaunt an. Alles, nur das hatte ich nicht erwartet.
„Du warst ja auch krank.“, wehrte ich ab.
„Trotzdem.“ Sie strich sich durch das Haar.
Als Kind hatte ich oft ihre Wut spüren müssen, Strafe für bloße Anwesenheit, als wäre ich ein missgestaltetes Kind, wegen dem sich alle schämen müssten. Sie verstand es auch, mit Worten zu verletzen, ins schmerzhaft Schwarze zu treffen und tapfere Krieger fallen zu sehen. Als dann das Unmögliche passierte, sagte meine Tante „Morgen reden wir über alles, was du auf dem Herzen hast, du kannst mir alles erzählen.“ Am nächsten Tag war keine Rede mehr davon. Ich sah sie zweimal im Jahr. Mutter schien mich zu beobachten. „Wie geht es deinem Vater?“
Er konnte nicht lange allein sein. Verständlich, wer kann das schon, Menschen sind nicht dafür gemacht, alleine zu sein. Und dann kam sie.
„Er hat eine Neue.“ sagte ich.
Diese schien mir falsch in ihrem ganzen Wesen. Klar, sie hatte es nicht leicht. Aber eine schlimme Kindheit entschuldigte doch nicht alles. Wie auch immer, Vater sah das alles nicht. Er zeigte mir eine neue Seite, eine ständig angetrunkene, jähzornige. Meine abwehrende und verschlossene Haltung reizte ihn zum Äußersten. Irgendwann zog ich aus. Ich konnte den Hass nicht ertragen, der in der Luft schwebte und sich überall festsetzte, wie Staub. Selbst auf dem Abendbrottisch lag dieser Staub und wirbelte auf, wenn man auch nur nach der Gabel griff.
Das verblichene Etwas, was da im Sessel vor mir saß, blickte mich betroffen an.
„Sie ist die Stiefmutter aus den Märchenbüchern. Und wir Brüderchen und Schwesterchen.“, sagte ich.
Dann sagte ich: „Aber es ging schon irgendwie. Ich habe funktioniert wie eine Maschine.“
Draußen begann es zu regnen. Wir hörten eine Weile dem leisen Trommeln der Tropfen zu. Ich trank einen Schluck Tee für den Kloß im Hals und drückte mich tiefer in die weichen Polster. Mein Blick suchte in ihren Augen nach einer Antwort, fand aber nichts, als würde ich nur auf eine Fotografie schauen.
„Und wie hat dein Bruder alles verkraftet?“, fragte Mutter.
Ich lächelte unsicher. „Letzte Woche bekam ich einen Anruf, dass er sein Auto nachts im Wald gegen einen Baum gefahren hat. Alle denken, er hat versucht, sich umzubringen.“
Sie blickte mich verstört an. „Hat er?“
Ich rührte in meiner Tasse. „Du kannst ihn anrufen. Er wird sich sicher freuen, dich mal wieder zu hören, ich glaube, er hat vergessen, wie du bist. Höre nicht darauf, was er sagt, schau dir nur die Farben seiner Stimme an.“ Eine war mir im Gedächtnis geblieben: Flutdunkel.
Ich sah meinen Bruder vor mir, in der stillen Betrachtung der Hölle die ihn umgab und in der ein nie verstummender glühender Wind wehte. Doch gleichzeitig war diese Hölle still, stiller als der ruhigste Ort auf dieser Welt. So still, dass man manchmal laut schreien musste, um sich zu hören.
Ich erinnerte mich daran, dass sie einmal, als ich mich über meinen Bruder beschwerte, zu mir sagte „Du wirst mir eines Tages dankbar sein, dass du einen Bruder hast.“ Ich hatte damals nur abgewinkt. Jetzt fragte ich mich, ob er froh darüber war, dass er eine Schwester hatte.
„Aber warum macht er das?“, fragte Mutter.
„Vielleicht, damit er sich nicht ändern muss.“
Sie rang die Hände. „Ich habe Mist gebaut.“
Als ich sie so sah, dachte ich, dass es besser wäre, doch kein Wort über Großmutter zu verlieren. Diese hatte nämlich irgendwann beschlossen, sich zu Tode zu essen. Stand einfach nicht mehr von der Couch auf, verweigerte das Leben. Dabei war ihr Lieblingsspruch: Irgendwie muss es doch weitergehen. Mittlerweile gab sie nur noch Kinderreime von sich. Auch eine Art, die Welt zu ignorieren. Großvater hatte eine beweglichere Art des Vergessens gefunden, er ertrank täglich in mit warmen Bier gefüllten Teegläsern. Oft saß er stundenlang allein in der abgedunkelten Küche, verglich Lottoscheine miteinander und brütete über dem unberechenbaren Glück.
„Hat er denn niemanden, an den er sich wenden kann?“, fragte Mutter.
Ich verzog das Gesicht. „Nein. Er macht alles mit sich ab, so wie du meistens.“
Ich bemerkte ihre Tränen, im gleichen Augenblick tat sie mir sehr leid.
Wenn ich doch den Film zurückspulen könnte. Und wenn man die Erinnerung immer wieder abspielen könnte, wie die Filmkassetten im Schrank. Mutter am Frühstückstisch. Mutter im Wohnzimmer. Mutter verbindet einem das aufgeschlagene Knie. Streicht mir über den Kopf. Sagt „Wenn du immer so ein Gesicht ziehst, bleibt es irgendwann so.“
Meine Finger entnahmen der Schachtel, der ich mich eigentlich entsagt hatte, ein weißes Stäbchen. Das Feuerzeug gab eine schöne Flamme, die einen gespenstischen Schein an die Wände malte. Rauchwolken ließen mein Gegenüber etwas verschwimmen, doch mit verblüffender Schärfe zeichneten sich die Geschehnisse dahinter für mich ab.
„Ich kann mir vorstellen, was er fühlt. Das macht mich traurig. Manchmal ging es mir wirklich sehr schlecht und ich habe mich oft gefragt, wie es bloß weitergehen soll.“, sagte Mutter.
Der ungewohnte Rauch vernebelte meine Sinne, ich hatte Mühe, ihrer leisen Stimme zu folgen. Sie sagte: „Irgendwie geht es ja immer weiter, das Leben, aber ich hatte keine Kraft mehr, Mäuschen.“ Sie blickte mich mit roten Augen an. „Ich habe gekämpft und geliebt und mich selbst zerfleischt. Dann habe ich dreißig Tabletten geschluckt. Es war ein schneeweißer Traum. Und dann bin ich gestorben.“
Ich sah zum tausendsten Mal zu, wie ich ihre Hand streichelte und hörte wieder die verdammte Maschine atmen und sah die verdammten Krankenschwestern herumrennen, für die das alles Routine war, der Kampf mit dem Tod.
Meine Zigarette zitterte.
Glut fiel und brannte ein Loch in den Teppich.
Ein Schlüssel drehte sich im Schloss und mein Freund kam zur Wohnungstür herein. Er schaltete das Licht an und sah sich im Zimmer um.
Ich streichelte ihre welke Hand und sie war schon weit weg.
Mein Freund stöhnte beim Anblick des chaotischen Wohnzimmers. Er machte mir keine Vorwürfe und begann schweigend mit dem Aufräumen. Er lief hin und her und trotzdem konnte ich noch sehen, wie auf einem schmutzigen Backsteinweg zwei Gestalten nebeneinander durchs Herbstlaub stapften. Ein großer Mann mit einem Beutel in den Händen, in dem ein Nachthemd war und eine Zahnspange und Hausschuhe mit weichen Bommeln aus Kaninchenfell. Und neben ihm ging ein junges Mädchen, das mit den Tränen kämpfte und hoffte, dass es niemand merkte.
„Ich dachte du schläfst, weil kein Licht brannte.“ Mein Freund setzte sich endlich seufzend neben mich und nahm meine Hand. Er schaute betrübt auf das Loch am Boden.
Ich lächelte mechanisch und starrte an die Wand.
Der Mann sagte zu dem Mädchen: „Es ist schon komisch, die Mutti schafft man ins Krankenhaus rein und was man wieder abholt, ist ihr Morgenmantel.“
Jemand nahm mir den Zigarettenstummel, den ich noch zwischen den Fingern hielt, weg und drückte ihn im Aschenbecher aus.
Draußen war es dunkel, die Sterne flimmerten wie Diamanten auf einem schwarzen Samtkleid und trotzdem konnte ich den Himmel durchschimmern sehen, einen glasklaren blauen Himmel mit Schwalben, die helle fröhliche Melodien zwitscherten, durch die kühle morgendliche Luft segelnd. |
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Die letzten hundert Meter begann er zu rennen. Der Kanister war sehr schwer, aber er spürte das Gewicht kaum. Die Eingangstür schob sich in sein Blickfeld und kam rasch näher. Er stieß sie auf und wurde fast erschlagen von der Wand aus beißendem Zigarettenrauch, Gesprächsfetzen und Toilettengestank. Er stürzte den schmalen Flur entlang direkt in den Clubraum, gemustert von den neugierigen Blicken der Anwesenden, die sogleich Entsetzen widerspiegelten, als er den Verschluss des Kanisters aufschraubte und die Flüssigkeit auf dem Bartresen verteilte. Er rannte im Zickzack durch den ganzen Raum und verspritzte die Flüssigkeit auf alles, was sich links und rechts seines Weges befand.
„Jetzt zünde ich euch an!“, schrie er. Ein paar der Mädchen im Raum begannen zu kreischen, die anderen Leute sahen ihm erstarrt zu. Plötzlich spürte er, wie ihn jemand von hinten packte und ihm schmerzhaft die Arme verdrehte, sodass er den Kanister fallen ließ. Er hörte die vertraute Stimme seines Freundes, der auf ihn einschrie. Sofort kam er zur Besinnung und die Anspannung fiel von ihm ab wie ein schlaffes Tuch. Er begann hysterisch zu lachen.
Einer der Anwesenden rief: „Wasser, es ist Wasser!“
Daraufhin brach ein Tumult los. Mike zerrte den vermeindlichen Brandstifter hinter sich her auf die Toilette und schrie ihn an: „Bist du jetzt total von Sinnen, Cam?“
Er schüttelte ihn, aber Camino konnte nicht aufhören zu lachen. Aus dem Spiegel glotzten ihn seine Augen an, gläsern und leer.
„Was hast du genommen?“ fragte Mike.
Camino keuchte: „Nichts, Alter!“
„Vielleicht solltest du mal damit anfangen.“
„Ach lass mich doch, von was hast du schon eine Ahnung.“ Camino drehte den Wasserhahn auf und wusch sich das Gesicht. Das Wasser rann belebend und kühl zwischen seinen Fingern hindurch. Ein Bild kam ihm in den Sinn: schwimmende Plastikflaschen in der Badewanne. Als er zwölf Jahre alt war, wohnte ein Stockwerk über ihm ein gleichaltriges Mädchen mit ihren Eltern, mit dem er sich gut verstand. Wenn er sie sah kam es ihm so vor, als würde die Sonne viel heller scheinen, er spürte den Regen intensiv auf der Haut und roch den Duft des erwachenden Lebens im Park. Ihr Haar war so zart wie die fliegenden Fäden des Altweibersommers und ihre Haut duftete nach Mandelseife. Da die Eltern dem Mädchen verboten hatten, mit ihm zu spielen, hatte er sich eine spezielle Methode ausgedacht, um sich mit ihr zu verabreden. Durch alle Wohnungen im Neubaublock zog sich ein zentrales Rohr, durch welches die Heizkörper, die sich in den übereinander liegenden Zimmern der Etagen befanden, miteinander verbunden waren. Camino hatte mit dem Mädchen vereinbart, dass dreimal am Heizkörper klopfen bedeute: Ich rufe dich an. Wenn sie das Klopfgeräusch hörte, pochte sie zur Erkennung zweimal gegen die eierschalenfarbene Verkleidung und sprach gegen den Heizkörper. Ihre Stimmen waren durch das Metall gut zu hören und so konnten sie sich miteinander verständigen und verabreden. Eines Nachmittags erzählte das Mädchen, dass ihre Eltern bei Bekannten im Haus zu Besuch waren. Da die Mutter ihr schon lange verboten hatte, jemanden in die Wohnung zu lassen, musste Camino immer am Türrahmen stehen bleiben und durfte sich nur von dort aus mit dem Mädchen unterhalten. Nur einmal traute sie sich, das Verbot der strengen Eltern zu übergehen und ließ ihn kurz auf Zehenspitzen drei Schritte in die Wohnung machen, um den schönen neuen Fernseher zu bewundern, mit dem man Westfernsehen empfangen konnte. Die Mauer existierte zu dieser Zeit noch und das Leben in den Städten war nicht so gefährlich.
Die Kleine sagte, komm hoch zu mir und so setzten sie sich auf die Treppenstufen und unterhielten sich. Nach einer Weile erzählte sie, dass sie gerne einmal wissen wollte, wie viel Luft sie beim Einatmen in die Lunge sog (sie hatte immer solche absonderlichen Einfälle, das mochte Camino sehr) und er kam auf die Idee mit der Badewanne. Sie füllten sie mit Wasser - immer vorsichtig zum Treppenhaus lauschend - und tauchten sechs Plastikflaschen unter. Camino sagte, dass sie jetzt tief einatmen und dann in die Flaschen blasen sollte, bis sie keine Luft mehr hatte, um das Wasser zu verdrängen. Das Mädchen begann damit und Camino reichte ihr vorsichtig eine Flasche nach der anderen, während er darauf achtete, dass sich der Flaschenmund der bereits luftgefüllten Flaschen nicht von der Wasseroberfläche löste. Nach fünf Flaschen hörten sie, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel und was danach kam, daran konnte er sich kaum noch erinnern. Er wusste nicht mehr, wie er in die Wohnung seiner Eltern zurückgekommen war, nur, dass das Mädchen seitdem nicht mehr auf seine Klopfzeichen reagierte. Sie zog bald darauf mit ihren Eltern weg. Er hatte nie erfahren dürfen, wie viel Luft nun wirklich in ihre Lungen passte und ob er auch so einen langen Atem hatte.
Mike zog Camino vom Waschbecken weg.
„Du bekommst bestimmt Ärger, wenn wir jetzt nicht abhauen.“, meinte Mike.
Die Frau im achten Stock sagte: „Du bist eine typische Unterschichtenschlampe. Du wirst es in deinem Leben nie zu etwas bringen.“ Während ihr linkes Augenlid zuckte und aus der Wohnung ein Geruch nach angebranntem Kohl und Wäschestärke drang, wechselte der Himmel die Farbe von blaugraugrün zu dunkelgraugrün.
Lina antwortete: „Ich bin keine Schlampe.“
Die Frau wischte ihre feuchten Hände an der rosa und weiß geblümten Polyesterschürze ab und musterte Lina von oben bis unten. Ihr Blick blieb an den fettigen Haarsträhnen hängen, die der jungen Frau ins blasse Gesicht fielen. Ihre Augen waren graublau wie der Himmel draußen und von dunklen Ringen umrahmt. Lina sagte: „Ich bin keine Schlampe, ich vögle nicht durch die Gegend.“ Die Frau antwortete: „Was kümmert mich das, du bist ekelhaft. Dreckig bist du, schau dich doch an, du kannst ja kaum deine Augen offen halten.“
Ein leichenhaft dünner Mann mit glattem, schwarzem Haar erschien am Treppenabsatz. Er brüllte: „Lina, komm sofort hoch, wo sind die Valiumtabletten?“
Lina antwortete: „Ich hab sie nicht.“ Sie blickte ihn von unten her an und blinzelte. Der Mann schrie: „Ich hatte zwanzig. Sechzehn hab ich gegessen, zwei hast du gekriegt, müssen noch zwei da sein!“
„Ich hab sie nicht, ich hab nur zwei Methadon.“
Er musterte sie kurz. „Schau dich an.“, sagte er, „Du hängst ja total durch, du hast sie genommen.“
„Hab ich nicht“, sagte sie. „Hör auf Tom, ich habe dich lieb, nie würde ich so was tun.“ Tom riss die Augen auf. Er schrie: „Gib mir die zwei Valium!“ Die Frau hatte mit halboffenen Mund zugehört, nun ergriff sie eine Hand von Lina und sagte leise: „Du musst ihn verlassen. Fang ein neues Leben an, ohne ihn!“
Lina zog ihre Hand zurück und schlurfte langsam an Tom vorbei zurück in die Wohnung.
„Was wolltest du bei der Tussi?“ Tom knallte die Wohnungstür hinter sich zu. „War nicht wichtig.“, antwortete sie.
„Ach eigentlich interessiert es auch keinen. Wo sind die verdammten Valium?“ Er schubste sie von hinten. Sie stolperte ins Bad. „Hier sind sie nicht.“ Lina bemerkte, dass ihre Hände zitterten und überlegte. Dann ging sie ins Schlafzimmer und kramte in einem Plastikbeutel.
„Nimm die Methadon.“ Sie legte ihm zwei Tabletten in die Hand. Er ging in die Küche, nahm ein Glas, füllte Leitungswasser hinein und schluckte die Tabletten. Dann ergriff er seine Lederjacke und murmelte: „Ich bin kurz weg.“
Als die Tür ins Schloss fiel sank Lina auf das abgewetzte Sofa im kahlen Wohnzimmer. Die spärlichen Möbel waren wackelig, die Tapete alt und vergilbt und es gab keine Bilder. In ihren Träumen lebte sie manchmal in einer wunderschönen Villa mit weißem Torbogen am Stadtrand, umsäumt von einer Allee mit Kastanien- und Lindenbäumen. Die Menschen, die am Rand der Stadt wohnten, hatten helle frischgewaschene Kleider an, fuhren Cabrios und hatten kleine wertvolle Wildledertaschen umhängen. Sie schauten geschäftig, setzten sich zu Hause an ihren Laptop und erledigten noch einige wichtige Telefonate. Sie aßen zum Abendbrot leichten Salat mit Putenstreifen und gingen morgens im angrenzenden Park joggen. Ihre Kinder – wenn sie welche hatten – waren intelligent und pflegeleicht, sie arbeiteten an ihren Hochschulabschlüssen und eiferten ihren Idealen nach.
Lina erhob sich, ging in die Küche und öffnete den Brotkasten. Ein vertrocknetes Brötchen lag darin. Der Monat war noch lang, die Sozialhilfe reichte kaum und Arbeit bekam sie auch keine. Vor vielen Monaten noch hatte sie auf ein Wunder gehofft, auf Frau Holle, die ihr vom Arbeitsamt vermittelt wurde und sie in ihr Reich aufnahm, wo sie Federbetten schütteln konnte und dafür genug zu essen bekam. Sie nahm das harte Brötchen und kaute darauf herum. Durch das angekippte Fenster hörte Lina, wie Sand unter den Autoreifen auf dem Asphalt knirschte. Jemand pfiff nach einem Hund. Ein Fahrrad klapperte vorbei. Wummernde Töne aus den Bassboxen eines Autos drangen an ihr Ohr. Nachdem sie aufgegessen hatte, zog sie ihre lilafarbene Strickjacke an und verließ die Wohnung. Die Luft war klar und kalt und biss in den Lungen. Der Dreck der Straße war am Boden festgefroren. Lina schlenderte an den leeren Schaufenstern vorbei, hier und da war ein Plakat angebracht und die Wände der verfallenden Häuser waren mit Farbe bekritzelt. An einem Hauseingang mit der Nummer fünf machte sie halt und klingelte. Sie ging am Summen der Tür vorbei und stieg die abgewetzten Stufen im düster staubigen Treppenhaus hoch. An der Tür wartete eine dürre Frau mit stark geschminktem Mund, speckigem Bademantel und ungepflegten Haaren auf sie. „Dein Vater sitzt im Wohnzimmer.“, sagte sie mit rauchiger Stimme und sog an ihrer Zigarette, während sie Lina beim Schuhe ausziehen beobachtete. Erst wollte Lina ihren Vater umarmen, dann hielt sie sich zurück. Um ihn herum saßen drei junge Leute und sortierten kleine bunte Pillen. Lina ließ sich auf der Sofakante nieder und beobachtete, wie sie die Pillen abzählten und in kleine Plastiktüten verpackten.
Linas Vater hatte ein hochrotes Gesicht, welches aus einem Geflecht von blauen Äderchen durchzogen war, und lachte laut. „Weißt du, was mein neuester Gag ist?“, flüsterte er Lina heiser ins Ohr. „Ich habe in das Crystalpulver eine Spitze Anis reingegeben und nenne das ganze Weihnachtscrystal. Die Leute fliegen wie verrückt drauf und sagen, so einen Trip hätten sie noch nie gehabt, so weich und aromatisch…“ Er lachte wieder laut und hielt sich den Bauch. Lina versuchte, seinem schweren süßlichen Schnapsatem auszuweichen, indem sie die Luft anhielt und den Kopf wegdrehte.
„Was sind das für Videorecorder dort in der Ecke?“, fragte sie.
„Ach von irgendwelchen Weibern, als Bezahlung. Die haben alle kein Geld. Weiß gar nicht, was ich mit den Dingern machen soll, von mir aus kannst du dir einen mitnehmen.“
Lina schüttelte den Kopf. Sie nahm nie etwas von ihrem Vater an, kein Geld, keine Gegenstände. Sie wollte mit all dem nichts zu tun haben. Auch nicht mit Sachen von Frauen, die für Drogen sogar auf den Strich an der Kirche gingen. Sie hasste es, dass ihr Vater nun mit Drogen handelte, früher waren die Leute auch schon misstrauisch ihm gegenüber aber nach der Wende wollte erst recht keiner mehr etwas mit ihm zu tun haben. Nachdem ihre Mutter später mit einem fremden Mann davongegangen war, fühlte sich Lina mehr denn je verpflichtet, auf ihren Vater aufzupassen.
Ein Mobiltelefon klingelte. Linas Vater nahm es ans Ohr und sagte: „Ziehst du um? In welche Hausnummer?“ Nach einer Weile sagte er: „Okay, wir treffen uns an der Eins.“
„Wie viel?“, fragte einer der Anwesenden, sein rechtes Ohrläppchen war mit einem Ring so geweitet worden, dass man hindurchschauen konnte.
„Hundertvierzig Gramm. Ich muss dann los, also beeilt euch Leute.“
Lina nahm etwas vom Brösel auf dem Tisch zwischen die Finger und fühlte eine Erinnerung aufsteigen. Sie war noch klein und litt unter Durchfall. Ihre Mutter hatte medizinische Kohle im Badschrank vorrätig und gab Lina die Plastikbüchse mit den schwarzen Krümeln. Lina setzte sich auf die Toilette und begann mit einem Löffel, die Stückchen in sich hineinzuschaufeln. Es war ekelhaft. Die Kohle ließ sich schwer kauen, sie knirschte zwischen den Zähnen und schmeckte süßlich, Lina fiel davon einiges aus dem Mund auf den sauberen, graugesprenkelten Steinboden. Ihr kam flüchtig der Gedanke, es schnell wegzuwischen, da sie den Ärger der Mutter fürchtete, sie beschloss aber, doch noch ein wenig mit der Kohle zu spielen und Muster auf den Fliesen zu legen. Der Boden vor der Kloschüssel war schließlich voller schwarzer Kohlekrümelchen, Lina schmierte mit dem Finger darin herum. Sie erinnerte sich, dass unverhofft Schritte erklangen, sich die Badtür öffnete und ihre Mutter fassungslos im Raum stand, auf die Sauerei am Boden starrend. Zwei Sekunde später brüllte die Mutter. Was sie genau schrie, wusste Lina nicht mehr, aber sie sah sich wieder zusammengekrümmt vor der Badewanne liegen und auf die nächsten Fußtritte warten.
„Denkt dran, den Staub bekommt ihr gratis, wenn ihr schnell fertig seid.“, sagte der Vater.
Lina seufzte, stand auf und ging in die Küche.
Grau an Grau reihten sich die Blöcke aneinander. Camino betrachtete in der Dunkelheit gern das große Lichtermeer, jedes Fenster war anders beleuchtet, manche lilafarben und manche eher orange oder schlicht weiß. Die Menschen hatten es sich schön eingerichtet und jeder verzierte seinen Balkon – wenn er denn einen hatte – anders als der Nachbar. Er hasste diesen Stadtteil und trotzdem war er fasziniert von dem Raum zwischen den Blöcken. Wenn der Wind schwieg, war es dort manchmal still wie sonst nirgendwo. Morgens lag eine betäubende Ruhe über den Quadern, oft nur unterbrochen vom Gezwitscher einer Amsel, die auf der Ecke eines Blockes saß und sich am von den bleichen Mauern vervielfacht zurückgeworfenen Echo ihres Gesanges erfreute. Lustlos stapfte er Mike hinterher, der zielstrebig einen bestimmten Eingang ansteuerte. Im Treppenhaus war es etwas wärmer und roch stechend nach Urin. Camino wusste, dass sehr häufig kleine Kinder im Keller unter die Treppe urinierten, dort lagen meistens Sandhaufen zum Streuen für die vereisten Gehwege. Es war überall dasselbe. Die Erwachsenen waren schon abgebrühter, sie machten sich gar nicht erst die Mühe, zum Pinkeln unter eine Treppe zu gehen. Er spürte, wie sich seine Kehle verkrampfte und versuchte deshalb, flach zu atmen.
Die fremde Wohnung war verraucht und mit viel Kitsch eingerichtet. An den Wänden befanden sich knallbunte Reliefbilder, die unbekleidete Schönheiten zeigten und die nackten Scheiben der Fenster waren ziemlich verschmiert. Nach einer Weile brachte Camino den Schmutz mit dem riesigen, schwarzen Hund in Verbindung, der sich in einem Sessel breitgemacht hatte. Am niedrigen Couchtisch, der mit allerlei Utensilien bedeckt war, saßen drei Männer und rauchten. Einer von ihnen war von sehr kräftiger Statur, an den Armen tätowiert und trug neben einem dicken schwarzen Backenbart ein weißes Unterhemd. Er schien das Sagen zu haben, denn er musterte Camino scharf. Mit zusammengebissenen Zähnen zischte er Mike zu, ob ihm irgendjemand ins Gehirn geschissen hätte. Mike beruhigte ihn und erklärte, dass Camino ein langjähriger Freund und absolut vertrauenswürdig sei. Camino betrachtete die Szene schweigend und wartete ab, wie Mike sich verhielt. Er wusste nicht so recht, was er hier sollte, vermutlich wollte Mike ihn ein bißchen von seinem Elend ablenken, indem er ihm zeigte, dass anderswo alles noch viel schrecklicher war. In gewisser Hinsicht war er ihm auch dankbar für diese Abwechslung, die Einsamkeit zu Hause tat ihm auf Dauer nicht gut. Nachdem er seine Lehre beendet hatte, schien der Alltag größtenteils aus Frustrationen zu bestehen. Dem Warten auf weißlackierten Fluren mit den vielen Zimmern und geschäftig schauenden Frauen, die auf hohen Absätzen und mit wichtig aussehenden Papieren bewaffnet die Gänge entlangklackerten. Oder dem Herumlungern vor dem Supermarkt. Die vielen Rechnungen im Briefkasten machten ihn nervös, er warf sie einfach ungelesen in den Müll. Oft saß er zu Hause auf seinem Bett, rauchte einen Joint nach dem anderen, blätterte in BMX-Magazinen und malte sich aus wie es wäre, in Brasilien eine Kneipe zu eröffnen. Manchmal hatte er jedoch auch schon daran gedacht, seinem Leben ein dramatisches Ende zu bereiten – er liebte Dramatik – doch dann erinnerte er sich daran, dass es in seiner Kindheit einmal Zeiten gab, in denen er gern gelebt hatte und nie auf den Gedanken gekommen wäre, sich seinen Tod vorzustellen, nachts halb eins auf einer verregneten Landstraße. Doch die verwehten Bilder konnten die Gefühle in den Stunden, da er sich vorkam wie Schaum, der über den Strand trieb und an einem halbverwitterten Boot hängen blieb, nicht vertreiben und so atmete er immer wieder den süßlich verklebten Nebel ein und genoss das Gefühl, das man sonst nur erlebt, wenn einem Narkosemittel in die Adern gejagt wird - der große Augenblick kurz vor dem Verschwinden im Nichts.
Er steckte sich eine neue Zigarette an, plätscherte sanft auf der Oberfläche des Stimmengemurmels dahin und wurde erst durch die markante, lauter werdende Stimme des Anführers aus seinem Dämmerzustand gerissen. Er blickte zu Mike und beobachtete dessen wechselnde Gesichtsakrobatik.
„Wie willst du das denn anstellen?“, fragte einer der Männer gerade. „Es darf nicht nach einem Mord aussehen, sonst machen sie ne Fahndung.“ Das Fett bildete in seinem Nacken einen Wulst, der mit vielen kleinen Stoppeln gespickt war. Über dem Doppelkinn, das den gesamten Hals zu begraben schien, befand sich ein kleiner Mund, dessen Mundwinkel leicht nach unten gebogen waren, was dem Mann beim Lächeln einen spitzbübischen Ausdruck verlieh.
„Ist mir scheißegal.“, rief der backenbärtige Dealer, „Ich werde ein Exempel statuieren. Anders kriegen diese kleinen Scheißer keinen Respekt vor mir. Wer bin ich denn?“
„Was ist hier los?“, flüsterte Camino Mike zu.
Dieser rang sich ein zustimmendes Lachen ab, was er in Richtung der Männer schickte. Dann drehte er Camino das Gesicht zu. „Einer von den kleinen Fischen hat wieder nicht bezahlt.“, flüsterte er. „Das macht den Boss wütend.“
„Wir ziehen die Sache ganz einfach durch.“, sagte der Dealer. „Ich habe es mir auch schon genau überlegt. Der alte Knabe ist abends eh sturzbesoffen, ich setze ihn auf den Balkon, übergieße ihn mit Wasser und schalte den Ventilator an.“
„Genial“, applaudierte der Fette und lachte. „Alle werden denken, er ist erfroren.“
„Genau. Aber nicht die Leute, die mich kennen und wissen, dass ich auf schnelle Bezahlung großen Wert lege. Schließlich liefere ich dafür auch gute Ware.“ Er wandte sich Mike und Camino zu. „Nicht, dass es mich sonderlich interessiert, aber ihr habt noch nichts gesagt.“, bemerkte er.
„Oh… ich… also er hat es meiner Ansicht nach nicht anders verdient.“, stotterte Mike, stand auf und holte Bier aus der Küche. Eine Flasche stellte er dem Backenbärtigen hin.
Als sie wieder auf der Straße waren, hatte es mit schneien begonnen. Wie feine Nadeln brannte die Kälte Camino im Gesicht, was jedoch nicht das pochende Blut in seinen Adern beruhigen konnte. „Von wem hat der Typ denn geredet?“, fragte er.
„Ach, irgendso ein kleiner Nebendealer, der schon ewig nicht bezahlt hat. Ich finde die Sache auch ziemlich krass, aber wir sollten unseren Mund halten. Wenn du was gegen den Boss unternimmst, kannst du vorher gleich noch dein Testament beim Notar hinterlegen.“
Camino ging mit einem schlechten Gefühl nach Hause. Das hier war keine Show, wie er sie im Jugendclub abgezogen hatte, es war die Realität, schlimmer als in einem schmuddeligen Actionfilm. Als er vorm Badspiegel stand und sich rasieren wollte, zitterten seine Finger. Er betastete sein Kinn und legte den Rasierer weg. Eine Weile saß er auf seinem Bett herum. Er schaute er aus dem Schlafzimmerfenster. Schaltete den Fernseher an, schaltete ihn wieder aus und griff mehrmals zum Telefon. Schließlich wählte er Mikes Nummer.
Die Nacht war noch nicht ganz vorüber, als er über die verschneite Straße des fremden Wohngebietes lief. Schließlich fand er die richtige Hausnummer und trat durch die offene Tür ins dunkle Treppenhaus. Es roch nach Hundekot und er beeilte sich, zum Fahrstuhl zu kommen. Im zehnten Stock stieg er aus und lief in den Elften. Die Wohnungstür stand offen und er blieb stehen. Angestrengt lauschte er in die Stille. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren und eine leichte Übelkeit stieg vom Magen aus in ihm hoch. Im Flur roch es nach abgestandenem alten Rauch. Er lief vorsichtig bis zum Ende des Ganges, in der Küche war niemand. Im Wohnzimmer glitt sein Blick über die leere Kaffeetasse auf dem Tisch, ein paar Plastiktüten und einen überquellenden Aschenbecher. Seine Nackenhaare stellten sich auf, als er registrierte, dass es im Wohnzimmer genauso kalt war wie draußen. Die Balkontür stand weit offen. Er ging auf sie zu und schaute vorsichtig um die Ecke. Sein Herz stoppte einen Moment, er taumelte rückwärts und stieß einen leisen Schrei aus. Aus dem angrenzenden Zimmer drang ein Jammern. Hektisch machte er die Tür auf und starrte erstaunt und mit aufgerissenen Augen auf die blonde junge Frau, die auf dem Boden saß und wimmerte. Als sie ihn erblickte, begann sie laut zu schreien und hob die Arme schützend über den Kopf.
„Lina. Lina!“, versuchte er sie zu beschwichtigen und wollte sie in die Arme nehmen. Er hörte die Sirenen aus der Ferne. Doch wie sehr er auch darauf wartete, es erschien kein Funke des Erkennens in ihren Augen. Sie schrie und schrie, ihre Stimme überschlug sich, dann begann sie auf ihn einzuschlagen.
Das Heulen der Sirenen zerriss die klare Luft, sie kamen näher. Er bekam Panik, machte sich von der Frau los und lief aus der Wohnung. Er kletterte die Feuerleiter hoch, stieß die Dachluke auf und rannte über das ebene Dach des Blocks. Tief in seiner Brust brannte ein stechender Schmerz.
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