Mit vierzehn habe ich das Schreiben entdeckt. Warum ich damit angefangen habe, ist ziemlich einfach. Schon als kleines Kind störte ich meine Mutter, die wegen der Beaufsichtigung meiner Wenigkeit oft an der Schreibmaschine zu Hause arbeitete, beim Tippen. Ich hängte mich liebend gerne an den Schlitten der Maschine, so dass meine Mutter nicht weitermachen konnte. (Mein Pech, ich wurde nach gerissenem Geduldsfaden in den Kindergarten gesteckt.) Allerdings verlor ich nie meine Faszination für Schreibmaschinen. Als ich nun diese vierzehn Jahre alt war, lieh mir meine Freundin ihre Reisemaschine mit Farbband aus. Um auf dieser Maschine herumtippen zu können (es ging mir wirklich nur darum), musste ich natürlich etwas zu Papier bringen, also versuchte ich - mehr oder weniger erfolgreich - Buchstaben sinnvoll aneinanderzureihen.

Wie zum Beispiel: "Hab eine alte Schreibmaschine, Schreibmaschine schreibt sehr gern. Und die alte Schreibmaschine rattert eifrig stundenlang. Will mehr schreiben, als ich weiß, drum schreib ich manchmal solchen Sch..."

Das war jetzt nicht so berühmt, ich weiß. Ich hoffe, dir gefallen die nachfolgenden Gedichte besser... ;) Mittlerweile habe ich zwar keine Schreibmaschine mehr, aber nicht die Lust am Schreiben verloren.
Fernando Pessoa schrieb einst einen wunderschönen Satz: "Schreiben heißt vergessen. Die Literatur ist die angenehmste Art, das Leben zu ignorieren." Wie wahr!
Aber das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit.

 

 

 

Gedicht

 

 

 

Das Licht malt Schatten in dein Gesicht
Ich berühre deinen Mund mit meinem
inniglich
Küsse dich
Atme die Luft deiner Lungen
Habe deine Lieder gehört
und mitgesungen
Spüre deine warme Haut an meiner
wenn wir uns des Nachts vereinen
Kann mir getrost meine Seelenqualen
an deiner starken Schulter ausweinen
Und erzähle ohne Angst
von allen möglichen Dingen
Ich weiß, daß du um mich bangst
wenn ich den Motor laß erklingen
Selbst im dichtesten Regen
bleibe ich bei dir stehen
Werde mich zu dir auch auf harten Boden legen
und mit deinen Augen sehen
Es ist kein großes Netz gespannt
Wenn die Flügel brechen und wir fallen
halten wir uns an der Hand
und werden gemeinsam auf den Boden knallen

 

 

 

 

Zerklüftetes Gesicht
am graugesplitterten Fenster
Sammelt mit tauben Ohren an
Wänden leere Worthülsen
Schluckt mit trüben
Augen bunte Lichtfetzen
Kann ich ihnen den Kohleeimer
schleppen keucht der Wind an der Kellertür
In den Spinnengewölben
huschen die Ratten über kalte Böden
Oder sind es die
Gedanken an längst verflossene Zeiten
Wachstropfen auf der Küchendecke
spiegeln matt Erinnerungen
an atemgeschwärzte
Dezembernächte

 

 

 

 

Kirschknackkerne in der Mokkacremetorte
zermürben schneeweiße Sahneträume
puhlend
manschend
wühlend
im zähen Süß
wünsche ich mir
Omis dampfenden Bratapfelkuchen
zurück

 

 

 

 

Stummer Flügel
Schlag taucht
in

Flut Dunkel
Trifft Zwischen
Welten

Und Luft
Murmeln ölige
Finsternis

Eingesammelt mit
zerborstenen Lungen
Flügeln

Strandwärts vom
Katastrophen Schutz
Helfer

 

 

 

Er sagt zu mir
die Wahrheit
Er sagt
Du bist nicht schlank
dein Bauch
Er sagt
Deine Lippen sind klein
andere Frauen haben
schönere
Er sagt
Andere Frauen sind schöner
als du
Und schmiegt sich an mich

Eine halbe Liebe und
ein halbes Nichts
Macht summasummarum
nichts
Und mit Wahrheit
beginnt die Gleichung

 

 

 

 

Ich bin ein Berg den du nicht ersteigst
Ich bin eine Sonne in der du nicht bleibst
Ich bin ein Wald den du nicht erkundest
Ich bin ein Feind den du nicht verwundest
Ich bin ein Haus das du nicht bewohnst
Ich bin ein neues Sofa das du nicht schonst
Ich bin ein Brunnen aus dem du nicht schöpfst
Ich bin ein edler Sekt den du nicht köpfst
Ich bin ein See in dem du nicht schwimmst
Ich bin eine Schale aus der du nichts nimmst
Ich bin eine Blume die du nicht pflückst
Ich bin ein Gewehr das du nicht bestückst
Ich bin ein Wind der dich nicht erfrischt
Ich bin eine Zutat die du nicht mischst
Ich bin eine Party auf der du nicht tanzt
Ich bin das Treffen zu dem du nicht kannst
Ich bin ein Bonbon das dich nicht verführt
Ich bin die Klagemauer die dich nicht berührt
Ich bin ein Sturm der dein Segel nicht bläht
Ich bin ein Schnitter der deinen Rasen nicht mäht
Ich bin ein Feuer das dich nicht wärmt
Ich bin eine Straße die für dich nicht lärmt
Ich bin ein Buch das du nicht verstehst
Ich bin ein Hund der traurig schaut, weil du gehst
Ich bin ein Baum dessen Früchte du nicht magst
Ich bin ein Termin den du nebenbei vertagst
Ich bin eine Pflanze die neben dir verdorrt
und irgendwann da bin ich fort

 

 

 

 

Ich bin ein wilder gelber Drache
Ich brenne, ich lodere in
verzehrenden Flammen, ich brenne
Jeder Jäger, mich zu fangen,
verglüht und stirbt den Heldentod

Ich bin das schlafende Dornröschen
Ich träume, totengleich im Verließ
regungslos trotz aller Küsse, ich träume
Jeder Prinz, mich zu wecken,
altert neben mir zu früh

Ich bin das fleißige Aschenbrödel
Ich kämpfe, ich ertrage alles
Schmerz und Schrunden, ich kämpfe
Jede Stiefmutter, mich zu schlagen,
trifft ihr Ziel noch vor der Uhr

Ich bin das sterbende Schneewittchen
Ich blute, ebenholzschwarz und weiß
wie Schnee ist meine Weste, ich blute
Jeder Zwerg, mich zu erlösen,
trägt meinen Sarg der Grube näher

Ich bin die schöne Müllerstocher
Ich bange zitternd bei Rad und Haspel
spinne jedes Gold zu Stroh, ich bange
Jeder König, sich mit mir zu schmücken,
wird ein blaues Wunder finden

Ich bin das gefangene Rapunzel
Ich schreie, oben auf dem Turm
das Haar zerschnitten, ich schreie
Jeder König, mich zu retten,
muss den gelben Drachen bitten

mich mit Flammen ins Herz zu treffen
mir die Dornenkrone zu entreißen
mir die Mutter rasch zu töten
mir die Zwerge zu vertreiben
mich aus dem Uhrenkasten retten
mich von den schwarzen Felsen lösen
nach dem rechten Wege fragen
bis die Märchen in mir schweigen
Und wenn wir zusammen sterben
dann leben wir im endlich im Heute

 

 

 

 

Schwammgrün frisst das Weiß der Wand
Hitze frisst das Brot und den Regen
Der Freier nimmt die Unschuld mit
Kinder bringen keinen Segen

Die leeren Schüsseln schlucken das Lachen
Der Tod macht weiß und stumm
Wellblechhütten schirmen nicht gegen Staub
Unten im Dorf geht die Krankheit um

Armut und Krieg fressen Wellblechhütten
und machen das Land so klein
Der Schmerz zerdrückt den Hoffnungsschimmer
das Träumen lässt man sein

Sieh doch, es will Abend werden
rufen die Menschen zu Gott
Wieso lässt du das alles geschehen
Die anderen gehen frei den alten Trott

Warum hast du gerade uns verlassen
wir haben keinen sicheren Ort
Doch Gott der einst sein Liebstes gab
er war doch niemals fort

 

 

 

 

 

Wer neugierig geworden ist und gerne mehr von dem Stoff lesen möchte, folge dem Link.

Kommentare von Lesern

Manuela aus M.: "Das Buch ist der Hammer- Manu"

Claudia aus K.: "Hallo. Vor 2 Tagen kam endlich dein Buch.
Einige Gedichte haben mich sehr berührt, andere zum Schmunzeln gebracht.
Ist wirklich ein Buch zum mehrmals lesen. Also einen Fan mehr hast du schon. Lg"